Am 14. Oktober 2008 bekamen die Bewohner von Madrigal im Rahmen des Akt III Updates das Feature, unter Ihresgleichen einen Herrscher zu wählen, der die Bevölkerung ihres jeweiligen Servers unter dem Titel „Lord“ für zwei Wochen unterstützen kann.

Dieses Lord-System hat sich in den vergangenen zehn Jahren sehr stark gewandelt. Insbesondere, wie die Serverbevölkerung den Lord als solches sieht und welche Erwartungen an ihn gestellt werden. In diesem Eintrag unserer Kolumne wollen wir das Lord-System im Wandel der Zeit näher beleuchten.

Was ist das Lord-System?

Bevor wir auf die Vergangenheit und Gegenwart eingehen und sie miteinander vergleichen, sollten wir erst einmal erklären, was genau das Lord-System eigentlich ist, wie man als Spieler ein Lord wird und welche Möglichkeiten ein Lord in FlyFF hat.

Das System sieht vor, dass sich jeder Spieler, der mindestens das Master-Level erreicht hat, als Kandidat zur Wahl aufstellen lassen kann. Der Anmeldezeitraum sind die 24 Stunden des Freitags vor dem Wahlzeitraum. Das Minimumgebot für die Kandidatur beträgt 100 Millionen Penya. Nach Ablauf der Anmeldefrist stehen die Kandidaten mit den 10 höchsten Geboten zur Wahl für eine zweiwöchige Amtszeit.

An den folgenden zwei Tagen (Samstag und Sonntag) können die Spieler des Servers nun ihrem Favoriten ihre Stimme geben. Stimmberechtigt waren dabei in der Vergangenheit alle Charaktere ab Stufe 60, die in den vergangenen 30 Tagen eingeloggt waren. Für eine erfolgreiche Wahl mussten mindestens 10 Prozent der stimmberechtigten Charaktere eine Stimme abgegeben haben.

Ein Teil dieser Voraussetzungen wurde allerdings vor nicht allzu langer Zeit entfernt. So sind zum aktuellen Zeitpunkt alle Charaktere ab Stufe 60 stimmberechtigt. Ebenso wurde die Voraussetzung der 10-prozentigen Wahlbeteiligung entfernt.

Nach Ablauf des Wahlzeitraums, der am Sonntag um Mitternacht (Serverzeit) endet, wird der Kandidat mit den meisten Stimmen für zwei Wochen zum Lord ernannt. Während dieser Amtszeit erhält der Lord (oder die Lady) ein einzigartiges Fashion-Set, eine Reihe an Lord-Skills, die einen dezent moderativen Charakter haben, und die Möglichkeit, gegen eine Gebühr einstündige EXP- und Drop-Events zu starten. Um die Events besser finanzieren zu können, erhält der Lord täglich 45 Prozent der Steuern, die in Flaris und Darken von den Gewinnergilden des wöchentlich stattfindenden Secret Rooms erhoben werden.

Die Lords der Vergangenheit

Nachdem wir nun geklärt haben, was genau das Lord System ist, können wir dazu übergehen, den Zeitgeist des Lord-Systems vom vergangenen Jahrzehnt näher zu beleuchten und zu vergleichen. Beginnen wir mit der Vergangenheit.

Wir erinnern uns noch recht gut daran, wie die Spieler eines Servers ihren Lord damals gesehen haben, denn in unserer damaligen Gilde hatten wir öfters einen amtierenden Lord. Einfach war es schon damals nicht. Als Lord steht man im Mittelpunkt der Spieler. Man wird sehr häufig kontaktiert, mit Fragen gelöchert und um Items angebettelt. Bei freundlichen aber dennoch eindringlichen Absagen dieser Anfragen kam es nicht selten vor, dass die Spieler ungemütlich wurden. Auch der Lord der Vergangenheit brauchte also schon dickes Fell.

Bereits damals war eines der elementarsten Schlüsselelemente für eine erfolgreiche Amtszeit das Ausrichten möglichst vieler EXP-Events. Aufgrund der geringeren Inflationen in der damaligen Zeit war es jedoch gar nicht möglich, jeden einzelnen Tag mit unzähligen EXP-Events zu füllen.

Die Lords der Vergangenheit haben es oftmals gut verstanden, die Spieler ihres Servers zusammenzubringen, indem sie eigene kleine Ingame-Events veranstaltet haben. Angefangen bei Quiz-Events bis hin zu Hide&Seek-Events. Die Interaktion mit den Spieler stand im Vordergrund und machte oftmals die Wiederwahl eines Lords aus. War man als Lord präsent und für seine Spieler da, haben sie es einem durch eine erneute Stimme bei einer möglichen Wiederwahl gedankt.

Die Lords der Gegenwart

Bei diesem Thema schwelgen wir sehr gern in der Vergangenheit. Zwar war auch damals nicht immer alles schön, aber das Lord-System – das eigentlich als demokratisches System angedacht wurde – war damals noch genau das, ein demokratisches Wahlsystem.

Wenn wir uns das Lord-System heute anschauen, können wir es aus unserer Sicht in nur einem Wort beschreiben: widerwärtig. Dabei sprechen wir nicht nur von den heutigen Lords, sondern genauso auch von der Bevölkerung.

Aufgrund der hohen Inflation – und der Tatsache, dass die Gebühren für die Lordwahl nie an diese Inflation angepasst wurden – ist es heutzutage kein Problem mehr, sich als Lord zur Wahl zu stellen.

Die Wahl selbst wurde jedoch zu einer Farce. Zwar gab es auch in früheren Tagen immer wieder Spieler, die ihr komplettes Portfolio an Charakteren genutzt haben, um möglichst viele Stimmen an ihren Favoriten zu geben, allerdings blieb es irgendwo noch im Rahmen und der Ausgang der Wahl wurde durch die Mehrheit der Spieler entschieden. Durch viele „Quality of Life“-Änderungen im Spiel wurde das Aufleveln eines Charakters bis zum 2nd Job-Change massiv vereinfacht und so kommen viele aktive Spieler auf stimmberechtigte Charaktere bis in den dreistelligen Bereich. Diese massive Anzahl nutzen sie, um ihren Kandidaten auf Krampf in das Lordamt zu wuchten. Nicht selten werden Stimmen von diesen Leuten auch zum Verkauf angeboten.

Ihr erinnert euch vielleicht an unsere beiden Artikel über Tacota, der bereits Lordspenden sammelte, obwohl die Lordwahl noch gar nicht angefangen hatte (Teil 1 und Teil 2). Nach der ersten Woche des Spendensammelns trat er erst gar nicht an. Dieses Mal hat er es nicht nur geschafft, sich zur Wahl aufzustellen, er ist sogar tatsächlich zum Lord gewählt worden. Wobei… ist „gewählt“ hierbei das richtige Wort? Wohl kaum.

In seinem Beispiel haben wir einen Gesprächsfetzen mitbekommen, in dem der Spieler „Nobyslager99“ einem anderen Lordanwärter zu verstehen gibt, dass er seine 242 (!) Stimmen an Tacota gegeben hat. Das lustige „xD“ am Ende seiner Aussage lässt darauf schließen, dass er das auch noch witzig findet.

Was sagt das über die Lordwahl allgemein aus? Uns sagt es, dass der Begriff „Wahl“ mittlerweile vollkommen fehl am Platz ist. Spontan fällt mir dazu nur das Wort „Syndikat“ ein, wobei das vielleicht ein wenig übertrieben ist. Die Methoden, mit denen die Lordwahl manipuliert wird, haben jedoch einen ähnlichen Charakter. Wir finden es einfach nur widerwärtig. Und als ob es nicht schon ekelhaft genug ist, zu solchen Methoden zu greifen, scheinen es bestimmte Spieler auch noch zu feiern und gehen damit öffentlich hausieren. In unseren Augen zeugt das von harten intellektuellen Einschränkungen.

Nun ist Tacota aber nicht der einzige, der zu solchen Mitteln greift. Nahezu alle aktiven Lords werden schon lange nicht mehr auf dem „demokratischen“ Weg gewählt. Und das ist verdammt traurig.

Traurig ist aber nicht nur das Verhalten der Lords und ihre Art und Weise, in das Amt gewählt zu werden. Auch das Verhalten der Spieler gegenüber dem Lord hat sich im Laufe der Jahre ganz massiv in das Negative gewandelt. Heutzutage spielt es keine Rolle mehr, ob ein Lord täglich online ist und sich mit seinen Mitspielern beschäftigt. Die Qualität eines Lords wird einzig und allein an der Quantität der EXP-Events gemessen, die er veranstaltet. Sehr oft haben wir es schon auf dem Discord oder auch im Spiel mitbekommen, wie Lords niedergemacht wurden, weil sie nicht jeden Tag über Stunden hinweg EXP-Events gestartet haben. Der Umstand, dass die Lords ein Berufs- und Privatleben haben, steht hierbei nicht zur Debatte. Ein Lord muss funktionieren, 24/7 erreichbar sein und am besten auch permanent EXP-Events starten. Persönliche Interaktionen mit der Community interessieren niemanden mehr; einzig und allein der eigene Vorteil steht im Vordergrund und diesen hat der Lord gefälligst zu gewährleisten.

Fazit

Der Vergleich zwischen den Lords der Vergangenheit und den Lords der Gegenwart könnte kontrastreicher nicht sein. Während damals noch sehr viel mehr Wert auf die Interaktion mit der Community gelegt wurde, ist der Lord in der heutigen Zeit nur noch ein gesichtsloser und austauschbarer Strohsack, der keine andere Aufgabe hat, als möglichst permanent EXP-Events zu starten.

Eine Frage, die wir uns schon seit längerer Zeit stellen, ist, weswegen sich die aktuellen Lords dieses Bullshit-Bingo überhaupt antun? Welche Motivation sehen sie darin, eine beträchtliche Summe ihrer Penya zu investieren, um sich dann doch wieder nur anhören zu dürfen, wie scheiße sie doch sind, weil sie nicht genug EXP-Events gestartet haben? Wir können es nicht nachvollziehen.

Wie denkt ihr über das heutige Lord-System und die Methoden, die dabei zum Einsatz kommen? Erinnert ihr euch noch an die damalige Zeit und wie die Amtszeit eines Lords da ausgesehen hat? Seid oder wart ihr in der letzten Zeit selber Lord gewesen? Denn – wie eben schon erwähnt – würde uns interessieren, was euch in der heutigen Zeit motiviert, das Lordamt zu bekleiden.

Lasst uns eure Ansichten in den Kommentaren wissen!